Heute hat Anja etwas für euch geschrieben und es ist der perfekte Abschluss des 15. Bloggeburtstages. Ich sehe, höre und lese immer wieder, egal ob auf anderen Blogs oder Social media, dass politisches hier und da nichts zu suchen hätte. Für mich gehört es aber zwingend zur Bildung dazu und darf bei mir auch zwischen Bananen, Feigen, Nudeln und Olivenöl gerne auftauchen.
Um 4:30 Uhr auf dem Campingplatz
Es ist kurz nach halb fünf Uhr morgens. Es nieselt und ist herbstlich kalt. Es ist leer geworden auf den Campingplätzen, nur ein paar Wohnmobile und ein weiterer Radreisender mit Zelt – ein älterer Herr aus UK – ist mit uns auf dem Platz Bellevue in Chevenceaux nahe Bordeaux. Zusammen mit meinem Mann, meinen Töchtern und mir sind wir also zu acht auf dem Gelände mit der netten Aussicht.
Aber die anderen sieben schlafen noch, während ich mit meinem Instant-Kaffee vor unserem Zelt sitze und diesen Text schreibe. Ich bin heute extra so früh aufgestanden, weil mir dieser Artikel wichtig ist, gerade in diesen Wochen.
Wir, mein Mann Fabio, unsere Töchter Fio (11) und Lilli (8) und ich, Anja, sind gerade mit unseren voll bepackten Bikepacking-Rädern quer durch Europa unterwegs auf dem EV3 Richtung Santiago de Compostela und dann weiter nach Portugel. Seit Anfang Mai fahren wir durch Deutschland, Belgien und Frankreich, mit Zeit für schöne Aus- und Einsichten, für Besuche bei Familie und Freunde und zum Arbeiten und Homeschoolen von unterwegs. In zwei Tagen werden wir nach 2400 Kilometern in den Pedalen die Dune du Pilat und damit den Atlantik erreichen. Wahnsinn!
Warum ich ausgerechnet heute Morgen über Gastfreundschaft schreiben möchte? Vielleicht, weil ich gerade sehr viel darüber nachdenke, wie willkommen wir uns eigentlich noch fühlen – und wie willkommen andere Menschen sich bei uns fühlen.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 hat auch unterwegs Gespräche ausgelöst. Gerade gestern wieder, der ältere Radreisende aus UK. Er liest den Guardian und versicherte uns kopfschüttelnd, dass er die Entwicklungen im politischen Europa und die Spaltung der Gesellschaft nicht als gutes Zeichen empfinde.
Wir stehen ihm gegenüber, nicken beklommen und denken daran, dass der Torcode zum Zeltplatz Bellevue für deutsche Reisende – kein Scherz – „1940“ lautet und damit (vielleicht zufällig virlleicht aber auch nicht) an den Angriff Nazi-Deutschlands auf Frankreich erinnert. Während wir also dort stehen und dem britischen Herrn Recht geben, fällt mir auf, wie sehr unsere Reise eigentlich eine ganz andere Geschichte erzählt.
Denn wenn man MIT Menschen redet und nicht nur ÜBER Menschen redet, sieht die Welt oft erstaunlich anders aus.
Ein Waldbrand und kleine grüne Keime
Auf unserer Fahrt durch Deutschland, Belgien und Frankreich haben wir in diesem Sommer sehr deutlich gesehen, was Klimakrise bedeutet.
Wir sind durch Wälder gefahren, deren Blätter schon lange vor dem Herbst braun waren. Wir haben in Belgien Rauchsäulen von Waldbränden gesehen. In Fontainebleau kamen wir an vom Feuer gezeichneten Waldflächen vorbei, an umbeknickten Stromleitungen mit verkohlten Masten und geschmolzenen Leitplanken.
Und trotzdem gab es dort etwas, das mich nicht mehr loslässt.
Zwischen den verkohlten Stämmen alter Eicheb kamen aus dem Wurzelbereich kleine grüne Triebe, winzige grüne Blätter, unverwüstliche Zeichen der Hoffnung zwischen all dem braun.
Ich musste dabei an unsere Gesellschaft denken. Auch dort herrscht, möchte man meinen, eine Klimakrise.
Manchmal fühlt es sich auch zwischenmenschlich an, als würde gerade ein großer Waldbrand durch Europa ziehen. Wir reden über Jung gegen Alt, Männer gegen Frauen, Stadt gegen Land, Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, Ost gegen West. Wir reden über das, was uns voneinander trennt.
Vielleicht übersehen wir dabei manchmal die kleinen grünen Triebe. Denn die gibt es auch. Wir erleben sie auf unserer Reise jeden Tag.
Welcome To My Garden: Die Welt kommt zu Besuch
Eine dieser grünen Stellen heißt Welcome To My Garden.
Das belgische Projekt ist eigentlich ganz einfach: Menschen öffnen ihren Garten für Slow Traveller, also für Menschen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, und bieten ihnen einen kostenlosen Platz für eine Nacht. Die Idee entstand 2020, nachdem die Gründer Dries und Manon selbst elf Monate lang von Brüssel nach Tokio geradelt waren und dabei von vielen Menschen aufgenommen wurden.
Heute sind es rund 8.500 Gärten. Die meisten davon liegen in Belgien, inzwischen findet man sie aber in immer mehr Ländern Europas und darüber hinaus.
Für uns ist daraus auf dieser Reise viel mehr geworden als eine Möglichkeit, einen Schlafplatz zu finden.
Manche Gastgeber öffnen einfach ihren Garten, zeigen uns, wo wir Wasser finden und wo die Toilette ist, und verschwinden wieder in ihrem Alltag. Auch das ist völlig in Ordnung. Es ist schließlich schon etwas Besonderes, einem völlig fremden Menschen einfach den eigenen Garten zur Verfügung zu stellen.
Andere Gastgeber teilen nicht nur ihre Gärten, sondern auch ihre Zeit und ihre Geschichten.
Dann wird aus einem Schlafplatz plötzlich ein Abendessen. Ein Glas Wein. Ein Gespräch. Die Kinder spielen mit den Kindern der Gastgeber. Man sitzt zusammen und unterhält sich.
Und irgendwann merkt man, dass man gerade Menschen kennenlernt, die man weder beim Wildcampen noch auf einem gewöhnlichen Campingplatz jemals getroffen hätte.
Dort stehen Wohnmobil neben Wohnmobil und ab und zu auch mal ein Zelt, morgens schnell abgebaut und verstaut. Man grüßt sich vielleicht freundlich oder tauscht sich kurz aus. Aber die Menschen, die neben einem schlafen, kommen häufig von irgendwoher und fahren am nächsten Morgen wieder irgendwohin. Man ist nur auf der Durchreise, auch gedanklich.
Bei Welcome To My Garden geht man dagegen gewissermaßen zu den Menschen nach Hause.
Und plötzlich bekommt ein Ort ein Gesicht.
„Dann kommt die Welt zu mir“
In Belgien haben wir zum Beispiel Jean-Sébastien in Lüttich getroffen. Wir hatten uns recht kurzfristig angemeldet. Er war gerade auf einer Geburtstagsfeier – und fuhr extra zurück, um uns seinen Garten aufzuschließen.
Wir durften sogar zwei Nächte bleiben.
„Die Kinder brauchen doch mal eine Pause“, meinte er und schenkte uns damit einfach einen zusätzlichen Ruhetag.
Bei Yves und seiner Frau Martine in Namur durften wir am Waldrand auf einer Bank sitzen und die Sonnenfinsternis bestaunen. Yves erzählte uns, dass diese Bank das Erste gewesen sei, was an dieser Stelle stand. Er und seine Frau waren dort einmal wandern gewesen, waren den Hang hinuntergelaufen und hatten diesen Ausblick entdeckt. Sie fanden ihn so schön, dass sie schließlich genau dort ihr Grundstück kauften und ihr Haus bauten.
Solche Geschichten bekommt man nicht auf einer Hotelbuchungsplattform.
In Dinant schliefen wir bei Alice auf einem Plateau über den Häusern, auf Augenhöhe mit einem Kirchturm, von dem bei jedem Glockenschlag Tauben in den Morgenhimmel stoben Dafür mussten wir unsere schwer bepackten Fahrräder zwar erst einmal eine ziemlich beeindruckende Zahl an Treppen hinauftragen, aber die Aussicht war jede Stufe und jede Anstrengung wert.
In der Nähe von Amboise öffneten Olivier und Nathalie ihren Garten für uns. Hinter ihrem Haus gab es einen Pool, in dem unsere Kinder nach einem langen Radtag herumplanschen konnten.
Und dann war da Julien.
Er sagte etwas, das für mich eigentlich die ganze Idee hinter diesen Plattformen zusammenfasst: Er und seine Frau Fanny machten ihren Garten auf, weil dann die Welt zu ihnen nach Hause komme.
Sie haben bisher noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Die Menschen seien freundlich – egal, woher sie kämen.
An diesem Abend saßen wir mit Julien und Sénna einem jungen Wanderer aus Belgien zusammen, aßen deutsche Bretzeln, französischen Flan, tranken belgisches Bier und erzählten uns gegenseitig von unseren Vorurteilen: Deutsche über Franzosen, Franzosen über Belgier, Belgier über Belgier. Wir haben darüber gelacht, weil Vorurteile ziemlich schnell ihre Macht verlieren, wenn man den Menschen kennt, über den man gerade noch geredet hat.
Die kleinen grünen Triebe
Welcome to my Garden ist nicht die einzige Plattform dieser Art, die weltoffene Gastgebende und weltreisende Slowtraveler zusammenbringt. In Deutschland haben wir 1NITE TENT genutzt – eine Plattform, die nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert: Menschen stellen ihren Garten oder ein Stück Land für eine kostenlose Übernachtung zur Verfügung. „Wie Couchsurfing, nur draußen“, beschreibt die Plattform selbst die Idee.
Auf dem „Radweg Deutsche Einheit“ sind wir dabei auch weit durch Sachsen-Anhalt gefahren: durch Wittenberg, Dessau und weiter durch den Harz. Und auch dort haben wir Menschen getroffen, die uns einfach ihren Garten geöffnet und uns von sich erzählt haben. Einige von ihnen haben bestimmt hellblau gewählt bei der Landtagswahl. Weil sie sich abgehängt fühlen, allein gelassen, „verarscht“. Trotzdem haben sie uns, denen man das links-grüne Berliner Sein an der Nasenspitze ansieht, freundlich empfangen und anstatt über all das Trennende zu reden, haben wir uns über das unterhalten, was uns alle verbindet (nämlich Kartoffelsuppe) und ehrlich: das hat gut getan.
Ein Plädoyer für Gemeinschaftsgefühl
„Das Einzige, was die Welt heute braucht, ist Gemeinschaftsgefühl.“ Dieser Satz wird Alfred Adler zugeschrieben, der das Gemeinschaftsgefühl während und nach dem Ersten Weltkrieg zu einem zentralen Gedanken seiner Individualpsychologie machte. Gerade die Erfahrungen des Krieges und seine Auseinandersetzung mit der Kriegsbegeisterung prägten seinen Blick darauf, wie wichtig menschliche Verbundenheit ist.
Was er damals formulierte, gilt in meinem Augen heute genau wie vor 100 Jahren. Wir brauchen tatsächlich nicht viel. Als Familie auf Rädern leben wir momentan sehr minimalistisch und auf kleinstem Raum. Was wir dabei jeden Tag bekommen, sind Erinnerungen, die nichts wiegen und die uns trotzdem ein ganzes Leben lang niemand mehr nehmen kann.
Was wir aber wirklich brauchen – als Menschen und als Gesellschaft -, ist nicht der Konsum von noch mehr Gegenständen, Likes und Kurzvideos. Wir brauchen Gemeinschaftsgefühl.
Vielleicht ist das der Punkt, der mich an dieser Reise am meisten beschäftigt. Ich möchte gar nicht behaupten, dass es keine Spaltung gibt. Natürlich gibt es sie. Natürlich gibt es Konflikte, Ängste, Vorurteile und politische Gegensätze. Und natürlich sind Waldbrände, Dürre und die Klimakrise keine Metaphern, sondern sehr reale Probleme, an denen wir auf unserer Reise vorbeifahren und vor denen wir nicht die Augen verschließen dürfen.
Aber genauso real sind diese anderen Erfahrungen.
Der Mann, der seine Geburtstagsfeier verlässt, damit eine Familie mit zwei Kindern einen Schlafplatz bekommt. Die Familie, die ihren Sonnenuntergang mit Fremden teilt. Die Gastgeber, die sagen: Kommt ruhig rein. Die Kinder können in den Pool. Bleibt noch eine Nacht.
Und vielleicht sind genau das die kleinen grünen Triebe, die wir gerade brauchen:
Nicht nur auf die Dinge zu schauen, die uns trennen. Nicht nur über die anderen zu reden. Sondern wieder mehr miteinander zu reden.
Über Grenzen hinweg. Zwischen Ländern. Zwischen Generationen. Zwischen Menschen, die auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun haben.
Wir sind mit unseren Fahrrädern durch Europa unterwegs und suchen eigentlich nur einen Platz für unser Zelt. Und finden dabei immer wieder etwas Größeres:
