Schenke dir Zeit, by Sylvia

Die Vorstellung

Sylvia und ich kennen uns nun auch schon eine halbe Ewigkeit. In der Kirche haben wir gemeinsam das Herzensprojekt “Gottesdienst@home” – der Alternative Gottesdienst – gestaltet. Aber auch war sie meine Yogalehrerin und es war immer schön und anstrengend, aber schön anstrengend. Sylvia ist eine tolle Freundin, die immer ehrlich ist. Zum 3. und 5. Bloggeburtstag, gab es schon mal zwei Sequenzen Yoga mit ihr, heute gibt es etwas zum Motto “Sorge für dich” und “Schenke dir Zeit”. Pausen sind gut und wir brauchen sie um Kraft und Energie zu tanken. Es fällt uns schwer Pausen zu machen und Sylvia hat dafür die richtigen Worte und ein paar Tipps.

Der Gastbeitrag

Hallo, mein Name ist Sylvia, ich bin 42 Jahre alt und arbeite seit einigen Jahren hauptberuflich in der Schulbegleitung mit autistischen Kindern. Außerdem bin ich Yogalehrerin und schreibe für chézkimjoelle einen Gastbeitrag anlässlich des Jubiläums.

Yoga

Mit mir und dem Yoga und generell meinem Leben verhält es sich so wie bei Kim und dem Kochen: Ich lasse mir nicht gerne von irgendjemandem sagen, was richtig und falsch sein soll, was ich tun oder lassen soll und wie ich mich zu fühlen habe. Es hat Zeit gebraucht, bis ich das Selbstbewusstsein und die Erfahrung hatte, mir nicht von jedem mein Werteverständnis niedertrampeln zu lassen.

Einfach mal die F….. halten

Menschen orientieren sich gerne an anderen Menschen und irgendwie scheint man da als Yogalehrerin und Yogalehrer eine wichtige Person für die Entscheidungen und Meinungen Anderer zu sein, das fällt mir seit einigen Jahren auf. Beginnend bei der Standardfrage während der Stunde: „Was soll ich denn jetzt spüren?“ über die richtige Ernährungsform und auch die Art und Weise, zu denken. Zu vielen Dingen, die geschehen, habe ich eine Meinung – zu manchen auch nicht. Ich habe aber nicht den Drang, diese Meinung anderen unbedingt mitteilen zu müssen, ob nun im „real life“ oder über social media Kanäle. Ich kann das aushalten und habe auch nicht das Gefühl, der Welt entgeht hier etwas elementar Wichtiges. Deshalb habe ich bei so manchen Erläuterungen namhafter Yogalehrender zu Corona, Hochwasser etc. völlig wertend und voller Leidenschaft gedacht: „Einfach mal die F… halten“.

Sorge für Dich und steh für Dich ein!

Was ich am Yoga so unfassbar schätze ist der körperliche Zugang. Einem Eindruck gleich welcher Art einen körperlichen Ausdruck verleihen zu können. Einen direkten und unverfälschten Zugang zu meinen Emotionen zu haben. Ich rede auch gerne, male oder schreibe, aber ich kann mich gut um schwierige Themen drumherum reden. Und häufig möchte ich auch gar nicht sprechen, sondern in Ruhe bei mir sein, für mich Sorge tragen und Gedanken & Gefühle in mir wirken und sich entwickeln lassen.

Meine eigene Praxis ist sehr intuitiv und bedürfnisorientiert. In diesem Jahr habe ich eine Grundlagenausbildung im Traumasensiblen Yoga absolviert und die Essenz dessen lautet: Sorge für Dich und steh für Dich ein! Das gilt für jeden von uns. Der ein oder andere wird vielleicht denken, dafür ist weder Zeit noch Geld vorhanden und in Bezug auf größere Projekte stimmt das gewiss auch. Es geht aber darum, Verantwortung für Dich zu übernehmen und aus einer empfundenen Situation der Hilflosigkeit herauszukommen.

Das beginnt z.B. damit, in der Yogastunde eigenständig zu entscheiden, ob Du Angebote mitmachst oder auch nicht. Ob Dir mehr nach Ruhe ist oder nach Anstrengung, ob Du vielleicht noch eine zusätzliche Decke brauchst oder Deinen Fuß anders hinstellen möchtest. Ich fordere das von meinen Teilnehmenden ein, ich bin nämlich weder Ärztin, noch Psychologin oder Entertainerin. Ich ziehe hier eine klare Grenze. Mein Mitgefühl, meine Aufmerksamkeit und mein Wissen ist all diesen Menschen gewiss, ich entbinde sie aber nicht von ihrer eigenen Verantwortung oder definiere für mich nicht vorhandene Kompetenzen.

Deine Yogapraxis

Sieh Deine Yogapraxis als Zeit, Dir selbst zu begegnen und Dich näher kennenzulernen. Lenke Deine Aufmerksamkeit nach innen, nicht nach außen. Das geht uns im Alltag verloren und wir stellen dann erst abends auf dem Sofa fest, dass der Rücken schmerzt. Feinere Strukturen (z.B. die Beschaffenheit des Atems oder den Anspannungsgrad der Muskulatur) nehmen wir häufig überhaupt nicht wahr.

„Wenn sie ihrer Wahrnehmung vertrauen, ist alles ganz einfach.“

Den besten Rat meines Lebens habe ich im Rahmen eines Coachings vor einigen Monaten von meiner Leitung erhalten und er lautete: „Wenn sie ihrer Wahrnehmung vertrauen, ist alles ganz einfach.“ Und damit hat sie recht. Das war mir gar nicht bewusst, obwohl ich genau dies -nämlich entsprechend meiner Wahrnehmung zu handeln- in meinen Yogastunden praktiziere.

Schenke dir Zeit!

Vielleicht hört sich das jetzt für Dich nach einer netten Geschichte an, die nicht viel Bezug zu Deinem eigenen Leben hat. Doch, hat sie! Probiere es aus, wie freundlich es ist, Dir fünf oder zehn Minuten Zeit zu schenken, die nicht durchorganisiert sind. In diesen Minuten versuchst Du zu erspüren, was Dir heute guttun könnte. Es ist normal, dass der Anfang merkwürdig und schwierig ist und Dir dies nicht immer gelingen wird. Vergleiche es mit Kleidung raussuchen für den Tag: An manchen Tagen ist Dir nach Farbe, nach etwas Aufregenden oder auch nach Jogginghose. Und manchmal wählst Du das völlig falsche Outfit, obwohl Dir das eigentlich schon vorher hätte klar sein können. Ist beim Yoga auch so. Passiert, wieder was dazugelernt.

Das hier sind Übungen, die ich sehr gerne mag und die mir guttun:

Eine Körperwahrnehmung in der Rückenlage oder Shava Yatra 

• Im Sitzen (gerne auch an eine Wand angelehnt) den Atem wahrnehmen, in die Flanken atmen. Einige Bewegungen der Arme anschließen (nach oben heben, Hände hinter Dir aufsetzen) oder auch des Körpers (Vorwärtsbeuge aus dem Sitz, Seitbeuge, Drehung)

• In der Rückenlage die Füße aufstellen (zuerst mattenbreit, dann hüftbreit, dann geschlossen) und mit einer Ausatmung zu einer Seite sinken lassen. Hier einige Atemzüge bleiben und wechseln.

• Einige Male Om singen

• Einfache und langsame Bewegungsabläufe, beginnend aus der Stellung des Kindes: Kind- Katze-Kuh wiederholen, Hund-Planke, …

• Einige Minuten lang alle Geräusche wahrnehmen, die Du hören kannst. Benenne sie gerne, bewerte sie aber nicht und konstruiere keine Geschichten dazu.

Ich wünsche Dir viel Freude beim Ausprobieren und denk dran: Alles ist erlaubt, ja sogar erwünscht und Du bekommst auch keine Benotung hierfür!

Deine Sylvia

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